Gottfried Helnwein, Das Kind, Robert Flynn Johnson, Fine Arts Museum of San Francisco, Fur Helnwein ist Kreativitat keine Berufung sondern ein Auftrag, eine Mission. Sin Thema ist der Zustand menschlicher Existenz. Die Metapher seiner Kunst ist beherrscht von der Darstellung des Kindes, aber nicht des heiteren unschuldigen Kindes gangiger Vorstellung. Er entwri.
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  Gottfried Helnwein, Untitled (detail), photograph, 1987
Gottfried Helnwein, Untitled (detail), photograph, 1987

 

 

 

Zitate

 

ZITATE

 

 

Kinder und Narren durchschlagen den Gordischen Knoten, den der Poet sein Leben lang geduldig zu lösen versucht.

Jean Cocteau

 

 

Ich wollte über das Leiden der Menschheit im Allgemeinen sprechen, aber vielleicht sollten wir uns besser auf die Leiden der Kinder beschränken.

Fyodor Dostoyevsky
Die Brüder Karamasow

 

 

Ein göttlich Wesen ist das Kind, solang es nicht in die Chamäleonsfarbe der Menschen getaucht ist. Es ist ganz, was es ist, und darum ist es so schön. Der Zwang des Gesetzes und des Schicksals betastet es nicht; im Kind ist Freiheit allein. In ihm ist Frieden; es ist noch mit sich selber nicht zerfallen

Friedrich Hölderlin

 

 

Der Genius der Kunst sucht Zuflucht bei Kindern und Verrückten, um zu überleben. Das ist es was wir sind.

Marilyn Manson
über seine Zusammenarbeit mit Gottfried Helnwein

 

 

Picasso hat gesagt: "Als Kind ist jeder ein Künstler. Die Schwierigkeit liegt darin, als Erwachsener einer zu bleiben."
Das ist deshalb so schwer, weil die meisten Erziehungssysteme wie Mähdrescher funktionieren: vorne kommen die lieben Kinder hinein, und hinten kommen sie fein geschrotet und gemahlen wieder heraus. Und so werden Erwachsene erzeugt: durch die Zerstörung des Kind-seins, des Spielens und Träumens, der Kreativität und jeder Spontanität. Aber das ist wahrscheinlich unvermeidlich, wenn man sich ordentliche Staatsbürger wünscht, wie Soldaten, Steurfahnder, Zuhälter, Psychiater, Geheimagenten Rennfahrer, Banker, Politiker, usw..


Gottfried Helnwein
Interview mit Herbert Schorn
Oberösterreichische Rundschau, 2006

 

 

Ich bin kurz nach dem Krieg geboren und habe noch den Atem des Todes gespürt. Obwohl bis in die 70er Jahre niemand über die Vergangenheit geredet hat, wusste ich von Kindheit an, dass da etwas war. Ich war wahrscheinlich ein äusserst nervendes Kind, denn ich habe ständig gebohrt und gefragt und nach und nach habe ich alles zusammen-getragen, was ich über den Holocaust erfahren konnte, ich wollte jedes Detail darüber wissen.
Irgendwann bin ich mit meinen Recherchen in der Gegenwart gelandet und habe diese Polizeifotos von Kindern gesehen, oder was von ihnen übrig geblieben ist, nachdem sie von den Eltern zu Tode gefoltert wurden. Kein Anblick der Sie gut schlafen lässt. Das war der Moment, als ich beschlossen habe Künstler zu werden. Es schien mir der einzige Weg, mich diesem Thema zu nähern. Ich bin aus humanistischen Motiven Künstler geworden, nicht aus ästhetischen.


Gottfried Helnwein
im Gespräch mit Marc Fischer und Sven Michaelsen
Vanity Fair, 2008

 

Reife des Mannes: Das heißt, den Ernst wiedergefunden zu haben, den man als Kind hatte, beim Spiel.

Friedrich Wilhelm Nietzsche

 

Der Künstler, der sein ganzes Leben in vielem dem Kinde gleicht, kann oft leichter als ein anderer zu dem inneren Klang der Dinge gelangen.

Kandinsky



Das Wort Fortschritt bedeutet nichts, solange es noch unglückliche Kinder gibt.

Einstein



Die bürgerliche Gesellschaft, der Moloch, der seine eigene Kindheit frisst und auch mich im Begriff ist zu fressen...

Fritz Zorn



Ich habe nie andere Gefühle als Bewunderung, Liebe und Respekt für meine Kinder empfunden.  Für mich sind Kinder ein grosses Wunder, sie tragen mit ihrer Reinheit und Entrücktheit die Möglichkeit zu einem besseren Menschsein in sich. Es ist nur wichtig, Sie vor den Erziehungs- und Indoktrinierungsmethoden der korrupten Erwachsenenwelt zu schützen.

Gottfried Helnwein
Interview "Ich kann mich in kein System einfügen", Sven Michaelsen, Süddeutsche Zeitung Magazin, 14. November 2013


Gleichzeitig mit den ab 1969 gemalten Bildnissen verletzter und mißhandelter Kinder wird um 1971/72 das bandagierte Kind als die neben dem Künstler wichtigste und mit ihm verbündete Märtyrerfigur in der Aktion dargestellt. Es verkörpert den unschuldigen, wehrlosen, der Gewalt ausgelieferten, geopferten Menschen. Als unschuldigem "Lichtkind", dessen Verletzungen an Kopf und Händen Lichtstrahlen wie selbstleuchtende Stigmen aussenden, wird ihm die gleiche Heroisierung zur Dulder- und Erlöserfigur wie dem Künstler zuteil. Das Gruppenbildnis mit Kindern wird Helnwein, wie auch seine zahlreichen Aktionen mit Kindern in der Öffentlichkeit zeigen, künftig nicht mehr loslassen. Sein Eintreten für die Rechte des Kindes grenzt sich ab von jeder Kindertümelei, die in einer gesellschaftlich ausgegrenzten "Kinderkultur", den kommerzialisierten "Kindermedien", im Kind als pädagogischem Objekt und in der ideologischen Verklärung der eigenen Kindheit durch die Erwachsenen ihren Ausdruck findet.
Abgrenzbar ist Helnwein vom Wiener Aktionismus, wenn er den Körper des Kindes nicht zum ästhetischen Material (wie in den "Materialaktionen" von Günter Brus, Hermann Nitsch und Otto Muehl) nivelliert, sondern ihm eine symbolische Stellvertreterfunktion für den wehrlosen, geopferten Menschen verleiht. Dem sexualistischen Verständnis des Kindes im (Freud rezipierenden) "Wiener Aktionismus" setzt der Moralist und Weltverbesserer Helnwein die geschlechtslose Heilsgestalt des Kindes entgegen.

Peter Gorsen
anlässlich der Ausstellung "Der Untermensch, - die Selbstbilnisse von Gottfried Helnwein"
Musée d’Art Moderne, Strasbourg, 1986


Wir wenden aber immer wieder den Blick ab von seinen Kindern. dabei sind sie die verstörendsten Bilder des Malers Gottfried Helnwein: von den in süssen Farben gepinselten Aquarelle der frühen 70er Jahre, die meist geschändete, brutalisierte Mädchen zeigen - bis hin zu den überlebensgrossen, fotorealistischen Installationen der letzten Jahre, in denen er einer erstarrten Erwachsenenwelt den Spiegel ihrer verschütteten Kindheit vorhält. Bei Helnwein werden Wunden zu Waffen. Von Anbeginn an sind die Bilder des in Wien geprägten, und heute in Amerika arbeitenden Malers von Protesten und Skandalen begleitet gewesen, was Helnwein nicht überrascht, doch: " Es ist nicht mein Bild, vor dem sich die Leute fürchten, sondern ihre eigenen Bilder in ihren Köpfen."

Alice Schwarzer

 

 

Wieder und immer wieder hat er Kinder gemalt, in Situationen von Butalität und Gewalt. Er hat christliche Ikonografie benützt, Nazioffiziere und randalierende Soldaten Bildern kindlicher Unschuld gegenübergestellt. Impulsive Reaktionen waren die Folge: auf eine installation in Köln wurde von Neonazis ein Anschlag verübt. Und doch sagt er, es sei ihm nicht darum zu schockieren, "Schock ist ein sinnloser Effekt", sagt er. "Jemanden zu schockieren ist völlig sinnlos, ich will jemanden dazu bringen nachzudenken."

The Sunday Times
Gerry McCarthy
"Boodied but unbowed"
14. September 2008

 

Neben Skizzen von Ballet tanzenden Hasen und gestiefelten Katzen, strangulierten und gestopften Enten finden sich Studien oder eher Wunschzeichnungen zu malträtierten Kinderköpfen, deren Münder durch Spangen und rosige Narben grauenhaft entstellt sind, aber gleichzeitig durch ihre höhnischen, Fratzen schneidenden Grimassen Ungehorsam, Widerstand, Aufruhr, so etwas wie kindliche Autonomie in der depravierten Erwachsenenwelt signalisieren. Das Feixen des malträtierten Kindes, ein groteskes Vexierbild, in das Märtyrertum und Subversion
der Menschenkreatur gleichermaßen eingeflossen sind, ist ganz allein Helnweins Erfindung. Sie offenbart sich in den vielen Metamorphosen des Phantasmas vom versehrten Körper als obsessives Grundmuster seiner Bildwelt und aktionistischen Darstellungen, als Metapher einer im Innersten des Menschen vorhandenen Unverletzlichkeit und Unbesiegbarkeit.

Peter Gorsen
Kunstwissenschaftler, Wien

 

 

Helnweins Bilder schockieren - Sei es durch die drastische Darstellung des herrschenden und beherrschten Menschen, durch die Demontage herkömmlicher und gefälliger Bildwelten. Oder liegt die Ursache für die schockhafte Reaktion nicht im Betrachter selbst? Helnwein ist ein überaus politischer Künstler, nicht durch große Reden sondern allein durch die Aussage seiner Kunst. Deshalb ist seine Arbeit wichtig, gerade in einer Zeit, in der sich Künstler oftmals nur noch auf die Spaß-Kultur beschränken. Immer wieder sind es Kinder, die als Opfer gesichtslos, taub und blind, auf der anderen Seite als Hoffnung stehen und so in aktuellen und älteren Werken polarisieren. Helnwein provoziert, aber bewegt zugleich.
Einer, der viel zu sagen hat, indem er es nicht sagt."

Antje Vollmer
Vize-Präsidentin des deutschen Bundestages
in ihrer Eröffnungsrede zur Helnwein Ausstellung "Beautiful Children"
im Ludwig Museum Schloss Oberhausen, 2005

 

 

"In memory of the children of Europe who have to die of cold and hunger this Xmas“, schreibt der nach London emigrierte österreichische Maler Oskar Kokoschka im Winter 1945 auf den Entwurf zu einem Plakat. Auf eigene Kosten lässt er 5000 Stück drucken und in U-Bahn-Stationen affichieren.
Im Spätherbst 1988 montiert der ins Rheinland emigrierte österreichische Maler Gottfried Helnwein entlang einer 100 Meter langen Wand zwischen Kölner Dom und Museum Ludwig eine Reihe von vier Meter hohen Fotodrucken mit Kindergesichtern. Er nennt die Arbeit „Selektion (Neunter November Nacht)“. Es ist ein Werk von monströser Aussage und schmerzhafter Wirkung. Sein Titel ruft den Jahrestag der sogenannten Reichskristallnacht in Erinnerung, durch ihn gibt Helnwein den Kinderporträts ihren beinahe überwältigend erschütternden Effekt.
Während wir mit Gottfried Helnwein seine Ausstellung für das Lentos Kunstmuseum vorbereiten, recherchiere ich gleichzeitig für ein anderes Projekt über Kokoschka. Die Geschichte der Londoner Plakate ist mir neu. Unbeabsichtigt und unerwartet blenden sich die beiden Künstler-Leben für einen kurzen, berührenden Moment ineinander. Mit beträchtlichem Einsatz an Gestaltungskraft, Kommunikationsfähigkeit, organisatorischer Erfahrung, Umsetzungsenergie und finanziellen Mitteln widmen sich beide Künstler aus gegebenem Anlass einem Appell: Zur Erinnerung!

Stella Rollig
Direktorin des Lentos Museum of Modern Art Linz,
zur Eröffnung der Helnwein Retrospektive "Face it!", 2006

 

 

Helnwein ist der letzte Verbündete der nächsten Generation, ein geschickter Provokateur, der uns zwingt, dem Erbe das wir unseren Kindern hinterlassen haben, ins Auge zu sehen. Helnwein ist unser Chronist, unser Gewissen, das Gegenmittel gegen unser mangelhaftes Gedächtnis, er weigert sich uns vergessen zu lassen.

Colin Berry
Artweek, California, 2004

 

 

Die Kinderbilder erweisen sich als die eigentlichen Selbstbildnisse Helnweins.

Peter Pachnike
Ludwig Museum Schloss Oberhausen

 

 

Helnweins faszinierendes Oeuvre umfaßt absolute Gegensätze. Helnwein ist ein Künstler der kompromißlosen Aussagen: Das Triviale, etwa der Disneykultur, wechselt ab mit Untergangsvisionen der Seele, die Göttlichkeit des Kindes kontrastiert mit Horrorbildern von Kinderschändung. Sein Grundthema aber bleibt die Gewalt, das physische und seelische Leid, das ein Mensch dem anderen zufügt."

Gregory Fuller
"Endzeitstimmung - düstere Bilder in Goldener Zeit",
DuMont, Buchverlag, Köln, 1994

 

 

Wie Laokoon schreien diese wie aus Wachs gemeißelten, „schönen“ Kinder (Helnweins) nicht mehr. Sie ertragen etwas, das nicht benannt wird und doch sichtbar wird. Sie kommunizieren in ihrer Intimität eine unauslotbare Abgründigkeit. Die Irritation des Betrachters entsteht daraus, diesem Geheimnis nicht auf die Spur kommen zu können. Die Wunde soll wach gehalten werden, und keiner soll sie heilen dürfen.

Thomas Edlinger
Essay zur Einzelausstellung "Face it!" von Gottfried Helnwein
Lentos Museum of Modern Art Linz, 2006

 

 

Durch das Malen von verletzten Kindern verursachte Helnwein eine Art Schock, und brachte somit den 'Horror' zurück in die Kunst. Damit zeigte er offen den Zynismus einer Gesellschaft, die nicht mehr die Dinge so sieht, wie sie sind, deren Sichtweise aber durch 'Bilder über Dinge' geprägt ist.

Klaus Honnef
Rheinisches Landesmuseum, Bonn, 1997

 

Man kann nicht unberührt sein von diesen wunderbaren Kinderbildern, die alle etwas unglaublich Zerbrechliches haben. Ich weiß, dass Margot Käßmann, die Bischhöfin die neulich den Kirchentag eröffnet hat, genau dieses gemeint hat, als sie sagte, wenn sie das Motto des Kirchentages „wenn dein Kind dich morgen fragen wird“ bebildern würde, dann würde sie das mit den Bildern von Gottfried Helnwein tun. Weil man hier am meisten Mitgefühl für die bedrohte Zukunft dieser zarten Geschöpfe erfährt.

Antje Vollmer
Vize-Präsidentin des deutschen Bundestages
in ihrer Eröffnungsrede zur Helnwein Ausstellung "Beautiful Children"
im Ludwig Museum Schloss Oberhausen, 2005

 

 

In einer bewegenden Ausstellung im Wilhelm Busch Museum in Hannover waren Bilder des Österreichischen Künstlers Gottfried Helnwein zu sehen. Eines seiner Blder zeigte ein Mädchen mit frechem Gesicht und Blindenband um den Arm, das die Zunge herausstreckt. Erst habe ich gelächelt. Wer den Blick länger verharren lässt, sieht, dass dem Mädchen Blut zwischen den Beinen herunterläuft. Es wurde ganz offensichtlich missbraucht, ihm wurde Gewalt angetan.... Ja, Kinder sind verletzbar. Kindheit kann grausam sein, wenn Kinder ausgeliefert sind. Ich denke an sexuellen Missbrauch, eine unglaublich Form von Folter an Menschen, die lebenslang an dem Trauma leiden werden. Ich denke an Kindersoldaten in Togo, im Kongo, im Sudan. Zerstörte Leben, brutal geopfert für idiotische Machtkämpfe, in denen Zerstörung das oberste Gebot ist, in denen es keine Ziele mehr gibt. Ich denke an Kinder in Indien, die schuften schon mit fünf Jahren um ein paar Münzen zu verdienen, damit ihre Familie überleben kann. Ich denke an die 12-jährigen Judith Wischnajatskaja, die im Juli 1942 in ihrem letzten Brief schrieb: “Lieber Vater! Vor dem Tod nehme ich Abschied von Dir. Wir möchten so gerne leben, doch man lässt uns nicht, wir werden umkommen. Ich habe solche Angst vor diesem Tod, denn die kleinen Kinder werden lebendig in die Grube geworfen.

Dr. Margot Käßmann
Landesbischöfin der evangelisch-lutherischen Kirche Deutschlands
In der Eröffnungspredigt des 30. Deutschen Evangelischen Kirchentages, 2005

 

 

Das Mädchen krachte durch mein Browser-Fenster und der Text, an dem ich gerade arbeitete, begann auf meinem Monitor zu zittern. Dieses Bild hatte einen Cybersprung zu mir geschafft: Von einer Londoner Galerie bis nach Israel. Zwei Jahre lang war ich in die Arbeit an meinem Buch "Und die Ratte lacht" vertieft gewesen, dessen Kern die Erinnerung an den Holocaust und ihre Überlieferung durch die Generationen bis 2099 ist. Meine Protagonistin war ein kleines Mädchen, das in diesen dunklen Zeiten in einer Kartoffelgrube versteckt wurde, schwere Misshandlungen erlitt und überlebte. Und jetzt erschien dieses Mädchen plötzlich vor mir. Eine klare Vision, die auf mysteriöse Art und Weise meine eigenen, kleinen Worte ergänzte. Das verschlossene, reine Gesicht - betend oder verzweifelnd - und ein Hauch einer Träne, kaum sichtbar, im Winkel ihres Auges. Dieses Mädchen mit geschlossenen Augen, dessen Erinnerungen in den Gräben ihres Gehirns geistern, platzte auf unerklärliche Weise in mein Leben. Und heftiges Mausklicken brachte mich schließlich zum Namen jenes Mannes, der mein Grubenmädchen gemalt hatte – Gottfried Helnwein.

Nava Semel
israel
DIE WUNDEN DER ERINNERUNG
März 2006

 

 

Das Bild des Menschen in der Leidensnot, des unschuldig Verfolgten und Gequälten, das aus der Kunstgeschichte in zahllosen Märtyererszenen bekannt ist, entsteht immer wieder neu. In den Bildern von Gottfried Helnwein ist Betroffenheit über Schmerz und Ausweglosigkeit in der Situation des Kindes dargestellt. Das Kind ist die Gestalt des Unterlegenen, Abhängigen, Ausgelieferten und Ausgenützten. Unter dem Druck einer auf Anpassung drängenden Erwachsenenwelt werden ihm tiefe Verletzungen eingeprägt, entstellende Traumata.
Die Bandagen bei Helnwein oder schon zuvor bei den Wiener Aktionisten (Schwarzkoglers Bandagenaktionen) verweisen sowohl auf die Entstellung des Körpers wie auf das Verborgene dieser Verletzungen. Sie üben auf dem Hintergrund einer Tabuisierung von Verwundung, Behindertenexistenz und Tod eine starke Wirkung aus und setzen heftige Reaktionen frei.

Herbert Muck
Philosoph, Architekt und Theologe
Kunstwerke und religiöse Vorstellungen des 20. Jahrhunderts

 

 

Helnwein bricht in seinen Bildern nicht nur mit der idyllischen Vorstellung des vom Leben unberührten Kindes, sondern öffnet mit ihnen auch den Blick zurück auf eine ganz andere Tradition der Darstellung des Kindes in der Kunstgeschichte, in der Erlebnis- und Leidensfähigkeit in beglückenden wie erschreckenden Bildern ausgedrückt worden sind. Auch seine schockierenden Bilder, die uns das malträtierte Kind zeigen, haben hier ihre Traditionen, die von den bestialischen Darstellungen des Bethlehemitischen Kindermordes am Kreuzgangportal von Notre Dame in Paris über Giottos Fresko in der Arenakapelle in Padua bis hin zu Picassos toten Kindern in „Guernica“ und „Leichenhaus“ reichen. Diese Bildtradition stellt bis zu Helnweins Bildern das Kind als von der ganzen Last des Lebens und der Bedrohung durch den Tod betroffen dar.

Peter Pachnike und Gisela Vetter-Liebenow
Ludwig Museum Schloss Oberhausen und Wilhelm Busch Museum Hannover
Essay zur Ausstellung "Beautiful Children"
März 2005

 

 

Von jeher hat die Verwundbarkeit von Kindern im Mittelpunkt von Helnweins Schaffen gestanden. In seinem neuen, 2003 begonnenen Zyklus kommt die digitale Fotografie zu ihrem Recht, die den Aufnahmen liegender uniformierter Mädchen eine neue Qualität der Kälte verleiht. Weiß geschminkt, eine Träne im Augenwinkel und stieren Blicks starren diese Protagonistinnen eines zeitgemäßen Schlafs ins Nichts, und wie selten gelingt Helnwein dabei der Spagat zwischen Intimität und Überwältigung. Helnweins Körperbilder haben immer Unterwerfung und Eigensinnigkeit miteinander verbinden können, ganz autonom aber sind in seinem Werk nur die Comicfiguren - als Angehörige einer anderen Welt. Die Kinder aber sollen für ihn etwas Größeres sein.

Frankfurter Allgemeine Zeitung
Andreas Platthaus, 2005

 

 

Was sich nicht in Worten ausdrücken läßt, drängt in Bildern zutage, die zu gestalten die säkularisierte Erwachsenengesellschaft der Neuzeit dem Künstler überlassen hat, der dadurch eine definierte soziale Aufgabe erhält. Das Kind dagegen, in diesem Sinne asozial, genügt sich selbst, seine Bilder muß es sich nicht erst aneignen; sie gehören ihm schon.

Peter Zawrel
Direktor des Niederösterreichischen Landesmuseums
anlässlich der Installation "Kindskopf" von Gottfried Helnwein, 1991

 

 

Die Provokationen des Künstlers sind subversiv und klammheimlich. Sie packen den entsetzten Betrachter eben da an, wo die antrainierten Verdrängungsmechanismen sonst so gut funktionieren.
Das wird am deutlichsten bei Helnweins Kinderbildern. Zarte pastellfarbene Zeichnungen, die zum Horrortrip für den Betrachter werden. Die sanften Kindergesichter sind durch Verletzungen furchtbar entstellt. Hasenscharten, Narben, Wundmale, Klammern, Kanülen, Bandagen. Der Anblick ist kaum auszuhalten. Aber was bedeutet das schon gegen die täglich von vielen tausend Kindern erlittenen Schmerzen, Qualen und Folterungen? Ein künstlerischer Aufschrei gegen die Schmerzen der Welt.
Helnwein denunziert nicht die Kinder - das häufigste Missverständnis, mit dem man sich gegen seine Kunst wehrt - sondern unsere Neigung, vor dem Leiden die Augen zu verschliessen. Der Künstler entlarvt das Bedürfnis nach heiler Welt (oft nur eine Form von Abgestumpftheit) als unmoralisch, als Angst vor der Realität . Ein Moralist mit sadistischen Mitteln.

Deutsches Allgemeines Sonntagsblatt
Erika Brenken, 13. Februar 1983

 

 

Das menschliche Gesicht, besonders das kindliche, ist für Helnwein von größter Faszination und mithin eines seiner zentralen Bildsujets. Das hier vorgestellte monumentalisierte Gesicht eines kleinen Mädchens steht gleichsam stellvertretend für alle Kinder. Kinder sind in unserer profit- und leistungsorientierten Erwachsenengesellschaft beinahe als Randgruppe zu bezeichnen, fällt doch die Beachtung ihrer Interessen vergleichsweise bescheiden aus. Vor diesem Hintergrund ist die extreme Vergrößerung des Gesichtes in Verbindung mit der hyperrealistischen Auffassung als eine beklemmende Irritation unserer gewohnten Wahrnehmungserfahrung zu verstehen.

Evgenija Petrova
Direktor des Staatlichen Russichen Museums, Sankt Petersburg
über die installation des Bildes "Kindskopf"
anlässlich der Retrospektive von Gottfried Helnwein, 1997

 

Menschlichkeit im Riesenmass.

Peter Ludwig
Kunstsammler und Museumsgründer
über das Bild "Kindskopf" von Gottfried Helnwein, welches er dem Russischen Museum in Sankt Petersburg stiftete
Kölner Stadt Anzeiger, 1996

 

 

Das Foto eines Kriegsberichterstatters zeigt ein von Granatsplittern verstümmeltes Kind auf einem lazarettschiff in Decany. Die fotografische Abbildung der Wirklichkeit beläßt diese stets an ihrem Ort. Die Distanz zwischen dem Betrachter und dem Fotografierten bleibt unüberbrückbar. Die amerikanischen Künstler Aziz+Cucher arbeiten mit digitaler Fotografie. Sie vertreten eine neue, im Medienzeitalter groß gewordene Künstlergeneration, die Simulation als die einzige Warheit anerkennt, auf die wir uns verlassen können. Helnwein dagegen gibt uns nichts in die Hand, auf das wir uns verlassen können. Er zieht uns den Boden unter den Füßen weg, sowohl jenen der Distanz zum Objekt als auch jenen der Vergewisserung des Subjekts.

Peter Zawrel
Direktor des Niederösterreichischen Landesmuseums
GEGEN DIE HARMLOSIGKEIT IN DER KUNST, 1999

 

 

Nicht einmal vor den Kindern wurde haltgemacht, auch sie fielen der Vernichtung zum Opfer, Es war die bestechende Idee von Gottfried Heinwein, die Konsequenzen dieser »Zeit ohne Gnade« so unkonventionell darzustellen. Er verwendete keine Fotos von Leichenbergen;
Kinderbilder zwingen den Betrachter, stehen zu bleiben und sich diesem Gedanken zu stellen. Die Wut der Neonazis, mit der sie auf diese Bilder reagiert haben, ist verständlich, es ist dieselbe Wut, mit der sie seit Jahren gegen das Tagebuch der Anne Frank kämpfen, denn die Ermordung von Kindern wird in jedem Menschen - mag er ideologisch noch so irre geleitet sein - Abscheu und Widerspruch erwecken. Aber der Vernichtungswille hat überlebt, er tobte sich an den Bildern aus, indem man versuchte, sie durch Schnitte zu zerstören.
»Menschen, bitte bleibt alle stehen, schaut Euch diese Kindergesichter an und multipliziert ihre Zahl mit einigen Hunderttausend. Dann werdet ihr das Ausmaß des Holocaust, der größten Tragödie in der Geschichte der Menschheit, erkennen oder erahnen!«

Simon Wiesenthal
zur Installation "Neunter November Nacht" von Gottfried Helnwein
Museum Ludwig Köln, 1988

 

 

Das auratische Gesicht eines Kindes, sechs Meter hoch, vier Meter breit, im Triumphbogen einer mittelalterlichen Kirche hängend, an Pfeilern und Wänden umgeben von dutzenden Leinwänden im genormten Format von zweihundert mal hundertvierzig Zentimetern, deren Köpfe und Fabelwesen sich erst bei näherem Hinsehen leicht als Kinderzeichnungen zu erkennen geben - einmal mehr irritiert Helnwein eingewöhnte Wahrnehmungsstrukturen in mehrfacher Hinsicht, vor allem aber auch die Erwartungshaltung des Besuchers einer Helnwein-Ausstellung.
Mit unergründlicher Sicherheit hat Helnwein auf die Herausforderung, in der frühgotischen, vor rund zweihundert Jahren durch Josef II, aufgehobenen Minoritenkirche in Krems/Stein eine Ausstellung zu gestalten, mit dem Konzept KINDSKOPF geantwortet. Er benützt die erstmalige Möglichkeit einer derartigen Präsentation in seiner Heimat Niederösterreich nicht nur, um seine bisherigen Arbeiten zum - letztendlich wohl autobiographisch motivierten - Thema Kind mit einer überraschenden, sehr persönlichen Geste zusammenzufassen, indem er die eigenen Kinder nicht als Objekte, sondern als Mitarbeiter miteinbezieht, sondern er reagiert auch mit dem Bild KINDSKOPF präzise auf den Ort der Ausstellung und seine tradierte Aura.

Peter Zawrel
Direktor des Niederösterreichischen Landesmuseums
anlässlich der Installation "Kindskopf" von Gottfried Helnwein, 1991

 

 

Der Arroganz, dem Egozentrismus und der Ignoranz, mit denen Kindern in unserer Gesellschaft begegnet wird, hält Helnwein ein Bild vom Kind entgegen, dem die Kehrseite dieser Verhalten völlig fehlt: keine Kindertümelei, nichts von der fröhlichen Unschuld, mit der Kinder als Projektion einer ideologischen Verklärung der eigenen Kindheit in eine als ungenügend empfundene Erwachsenenwirklichkeit, im Familienalbum wie in der Werbung, maskiert werden.

Peter Zawrel
Direktor des Niederösterreichischen Landesmuseums
anlässlich der Installation "Kindskopf" von Gottfried Helnwein, 1991

 

 

Wenn mir etwas in meinem Leben wirklich gelungen ist, dann ist es das Leben mit meinen Kindern, meiner Familie. Es ist wahrscheinlich der einzige Bereich meines Daseins, der stets völlig konfliktfrei war und ein nie versiegenden Quell von Freude und Glück. Dies ist der Rachefeldzug für die Fadheid und Erbärmlichkeit meiner eigenen Kindheit. Ich habe mir schon damals geschworen, dass ich eines Tages eine Menge Kinder haben würde, die vollkommen frei sein würden und die selbst entscheiden könnten, ob sie z.B. zur Schule gehen wollten oder nicht. Mir schwebte einer Art gesetzlose verschworene Bande vor, mit der ich durch die Lande ziehen würde. Ungefähr so ist es dann ja auch gekommen. Wir haben in den verschiedensten Teilen der Welt gelebt, alle meine Kinder sind Künstler geworden, haben unterschiedliche Staatsbürgerschaften und obwohl sie nun schon selbst Kinder haben, leben wir immer noch zusammen wie eine sizilianischen Grossfamilie. Es hat sich übrigens erwiesen, dass Schlösser für derartige Lebensmodelle äusserst praktisch sind.

Gottfried Helnwein
im Gespräch mit Marc Fischer und Sven Michaelsen
Vanity Fair, 2008

 

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