March 2005
Ludwig Museum Schloss Oberhausen und Wilhelm Busch Museum Hannover
Katalog zu der Einzelausstellung
Peter Pachnike und Gisela Vetter-Liebenow
GOTTFRIED HELNWEIN - BEAUTIFUL CHILDREN
„Ein göttlich Wesen ist das Kind, solang es nicht in die Chamäleonsfarbe
der Menschen getaucht ist. Es ist ganz, was es ist, und darum ist es so schön.
Der Zwang des Gesetzes und des Schicksals betastet es nicht; im Kind ist Freiheit
allein. In ihm ist Frieden; es ist noch mit sich selber nicht zerfallen“
Friedrich Hölderlin
Auszüge aus dem Vorwort zu "Gottfried Helnwein - Beautiful
Children"
Ludwig Museum Schloss Oberhausen
und Wilhelm Busch Museum Hannover
In der Ausstellung „The Child“, die im vergangenen Jahr in
den Fine Arts Museums von San Francisco stattfand, hat Robert Flynn Johnson
das Kind als das zentrale Thema in Helnweins Werk sichtbar gemacht. Am
Anfang stehen Helnweins hyperrealistische Aquarelle, die in penibler,
fotorealistischer Detailtreue satirisch verfremdet Kinder darstellen,
die von geschwürartigen Narben entstellt sind, durch Spangen und
Zwingen gefoltert und durch Entblößungen gedemütigt.
Peter Gorsen hat vom „malträtierten Kind“
als einer originären Bilderfindung Helnweins gesprochen, welche
die uns lieb gewordenen kindertümelnden Bildvorstellungen aufgebrochen
hat. Es sind Bilder, die ihre Wurzeln tief in Helnweins Kindheitserlebnissen
haben:
Bilder wie „Sonntagskind“ (1972) und „Guten Morgen,
liebe Enten!“ (1972) zeigen, dass das malträtierte Kind nicht
nur ein hilfloses, gequältes Opfer ist, sondern in seinen „höhnischen,
Fratzen schneidenden Grimassen auch Ungehorsam, Widerstand und Aufruhr
signalisiert“
(Peter Gorsen). Auch der Gestus des Schreis, den Helnwein eindringlich
in seinen Selbstbildnissen thematisiert, ist Ausdruck dafür, „dass
der Mensch noch nicht gebrochen ist, noch nicht aufgegeben hat“.
In den 70er Jahren entstehen zugleich jene Selbstbildnisse als Märtyrer,
der sich Verletzungen zufügt und seine Wunden zeigt. Roland Recht
hat auf die von Künstlern wie Messerschmidt, Schiele, Rainer, Nitsch
und Schwarzkogler begründete Wiener Tradition hingewiesen, die den
eigenen Körper als Ort von Verletzungen, Schmerz und Tod darstellt.
In dieser Tradition steht auch Helnwein. Er bedient sich der künstlerischen
Strategie, das Publikum mit seinen sich zugefügten Verletzungen
zu konfrontieren, auch weil er während seiner Ausbildung an der
Kunstschule erlebte, dass man gerade damit die Menschen, die durch Brutalität
und Intoleranz Macht und Kontrolle ausüben, irritieren, verunsichern
kann.
Die Vielzahl der Selbstbildnisse, die Helnwein schreiend, verletzt oder
bandagiert darstellen, wirken in ihrer Inszenierung noch wie theatralische
Rollenspiele. Erst als er seine Rolle auf das Kind überträgt
und den Betrachter mit dem Kind als Märtyrer konfrontiert, entstehen
Bilder, die betroffen machen: Die Kinderbilder erweisen sich als die
eigentlichen Selbstbildnisse Helnweins.
Helnwein glaubt noch daran, dass Bilder in der Gesellschaft etwas bewirken
können. Vor allem durch Irritation des Betrachters versucht er Vorurteile
und Klischees aufzubrechen. Verfolgt man Helnweins künstlerisches
Schaffen in den vergangenen drei Jahrzehnten, so kann man erkennen, dass
er sich dabei stets für die
ästhetischen Mittel entschieden hat, mit denen er den Betrachter
am wirkungsvollsten erreichen kann: „Du kannst mit Ästhetik
etwas verändern, du kannst auf eine ganz subtile Weise Bewegung
einbringen, wenn du die Schwachstelle kennst und mit ästhetischen
Mitteln daran tippst.“ So versuchte er das Publikum über die
Medien zu erreichen und an den Orten anzusprechen, die ihm vertraut sind.
Als die Zeitschrift „Kurier“ im Jahr 1979 den angesehenen
Wiener Gerichtsmediziner Dr. Gross in einem Interview fragte, ob es stimme,
dass er während der Nazizeit hunderte von Kindern durch Injektionen
getötet habe, antwortete dieser: „Das stimmt nicht. Von Injektionen
kann keine Rede sein. Wir haben das sehr human gemacht, finde ich. Wir
haben das Gift in das Essen gemischt, und die Kinder sind friedlich gestorben.“ Das
Schockierende für Helnwein waren nicht nur die Tötungen, sondern
die Tatsache, dass
öffentliche Reaktionen auf dieses Interview ausblieben. Helnwein
veröffentlichte daraufhin in der Zeitschrift „Profil“ das
Aquarell „Lebensunwertes Leben“, das ein Kind zeigt, das
tot über seinem Essen zusammengebrochen ist. In dem begleitenden,
satirisch formulierten Leserbrief dankte er Dr. Gross dafür, die
Kinder nicht abgespritzt, sondern auf humane Weise vergiftet zu haben.
Erst durch diese Aktion wurde die Öffentlichkeit mobilisiert.
Immer wieder waren es Gleichgültigkeit und Teilnahmslosigkeit der
Menschen, die Helnwein zu künstlerischen Aktionen bewegt haben.
So führte er in den 70er Jahren Straßenaktionen durch, in
denen er Kinder bandagierte und mit chirurgischen Klammern versehen auf
die Straße legte. Für die Kinder war es eine Art Spiel; für
Helnwein der Versuch, „immer wieder in den Alltag – der so
genormt abläuft – Störfaktoren einzubringen, um zu sehen,
wie die Leute reagieren.“
Die Fußgängerzone am Kölner Dom zwischen Hauptbahnhof
und Museum Ludwig nutzte Helnwein 1988 anlässlich des 50. Jahrestages
der Reichspogromnacht für die Aktion „Neunter November Nacht“.
Tausende Passanten waren gezwungen, täglich an einer 100 Meter langen
Reihe überlebensgroßer Kinderfotos vorbeizugehen, die wie
bei einer Selektion nebeneinander aufgestellt waren. Die Fotografien
zeigten normale Kinder, weiß geschminkt und mit gesenkten Augen.
Verbunden mit dem Begriff „Selektion“ erschienen diese Kinder
wie Todesengel. Die Reaktionen reichten von Gleichgültigkeit
über Betroffenheit bis hin zu Empörung. Einige Bilder wurden
mit Messern zerschnitten. Es gehört zu Helnweins künstlerischer
Strategie, es dem Betrachter nicht zu ermöglichen, sich seinen Werken
gegenüber neutral zu verhalten. Helnwein macht ihn zum Mittäter,
der durch Betroffenheit, Teilnahmslosigkeit oder Aggressivität in
das Bildgeschehen verstrickt wird. Die zerschnittenen Bilder integrierte
Helnwein in die darauf folgenden Ausstellungen der „Neunter November
Nacht“. Die Fotografien stellten nun nicht nur Gewalt dar, sondern
zeigten auch die Gewalt, die ihnen zugefügt worden war.
In der gotischen Minoritenkirche in Krems (Niederösterreich) hängte
Helnwein 1988 an der Stelle, an der die Kreuzigung Christi aufgestellt
ist, ein sechs Meter hohes und vier Meter breites Mädchenbildnis
auf. Das Bild
„Kindskopf“ zeigt ein Gesicht ganz ohne Verletzungen. Es
ist ernst und still wie das eines vom Leben geprägten Erwachsenen.
So erinnert es an die mittelalterlichen Darstellungen von Maria mit dem
Kind, wie sie an der Hildesheimer Bronzetür (1160), am Tafelaufsatz
des Doms von Erfurt (1160) oder am Südportal der Kathedrale von
Amiens (1300) zu bewundern sind. Es erinnert auch an die mittelalterlichen
Holzskulpturen, in denen Künstler das Kind in der Haltung, Gestik
und Mimik dargestellt haben, die von seinen zukünftigen Leiden und
der kommenden Verantwortung zeugen. Helnwein bricht in seinen Bildern
nicht nur mit der idyllischen Vorstellung des vom Leben unberührten
Kindes, sondern öffnet mit ihnen auch den Blick zurück auf
eine ganz andere Tradition der Darstellung des Kindes in der Kunstgeschichte,
in der Erlebnis- und Leidensfähigkeit in beglückenden wie erschreckenden
Bildern ausgedrückt worden sind. Auch seine schockierenden Bilder,
die uns das malträtierte Kind zeigen, haben hier ihre Traditionen,
die von den bestialischen Darstellungen des Bethlehemitischen Kindermordes
am Kreuzgangportal von Notre Dame in Paris
über Giottos Fresko in der Arenakapelle in Padua bis hin zu Picassos
toten Kindern in „Guernica“ und „Leichenhaus“ reichen.
Diese Bildtradition stellt bis zu Helnweins Bildern das Kind als von
der ganzen Last des Lebens und der Bedrohung durch den Tod betroffen
dar.
„Neunter November Nacht“, „Kindskopf“, aber auch seine
Arbeit als Bühnenbildner, haben Helnwein gezeigt, welche Wirkungskräfte
seine Bilder im großen Format entfalten. Sein Umzug von Wien nach Burgbrohl
bei Koblenz 1985 war der Zeitpunkt, an dem die intensive Phase der Auseinandersetzung
mit großen Bildformaten begann:
„Hier stellte ich dann alles radikal um – Riesenformate: Ich hatte
Lust, große Formate zu malen, ich hatte bis dahin fast nie mit Öl
und Acryl gemalt.“
Kein Künstler hat in der modernen Kunst das Spannungsfeld zwischen
Malerei und Fotografie so tief erkundet wie Helnwein in diesen Jahren, „[er]
spürt die unterschiedlichen Seinsstufen von Fotografien und Malerei,
und spiegelt sie ineinander, sodass sie sich gegenseitig erhellen und
in ihrer Wirkung steigern“
(Klaus Honnef).
Es geht Helnwein um die Überschreitung der Grenzen zwischen den
Medien, die Suche nach ihren besonderen Wirkungsmöglichkeiten. Früh
hatte er die gestalterischen Energien des Rock ‘n‘ Roll,
der Fotografie, des Comic Strips als elementare Kunstformen des 20. Jahrhunderts
in sich aufgenommen, ihre „mitreißend elementare Kraft und
Intensität“. Nach diesen Kräften suchte er nun auch in
der Malerei.
„Ich wollte das Gefängnis eines bestimmten Stils oder einer bestimmten
Technik überwinden. Eine Technik allein ist mir zu dominant, und deswegen
wollte ich sehen, was dabei herauskommt, wenn man zum Beispiel völlig
monochrom malt. Es gibt Bilder dieser Phase, an denen habe ich monatelang gearbeitet,
in vielen Schichten übereinander.“
Es entstand damals eine Vielzahl von Diptychen, Triptychen und Polyptychen,
in denen sich in den einzelnen Tafeln Malerei und Fotografie gegenüberstehen.
Unter diesen Werken war eine Gruppe von Bildern, „in denen monochrome
Farbfelder wie meditative Ruhezonen in den Augenschein der gegenständlichen
und figurativen Motive eingefügt waren“ (Peter Gorsen). In
diesen Bildern, zu denen „It‘s only Rock ‘n‘ Roll“ gehört,
spürt der Betrachter, dass Helnwein die monochrome Malerei braucht,
um der Fotografie die intensive Gegenwärtigkeit von Gemälden
zu geben.
In den Bildern der Serie „Epiphany“, „Sleeping Angels“
und „American Paintings“ stehen dem Betrachter nun fotografisch
detailreicher Realismus und Monochromie nicht mehr in verschiedenen Bildtafeln
getrennt gegenüber, sondern sind in einem Bild miteinander verschmolzen.
Diese Durchdringung im Einzelbild wurde auch durch die neue Technik Helnweins
möglich. Digitalisierte Fotografien werden auf große Leinwände
übertragen und mit Öl/Acrylfarben übermalt. Helnwein belässt
dabei der Fotografie ihren eigenen Charakter, nämlich wie eingefrorene
Realität zu wirken; zugleich erhält das Bild aber durch den
Malprozess eine innere Strahlkraft, die das fotografische Bild verlebendigt.
Man wird an die alten Meister erinnert, die mittels Lasuren dem gemalten
Körper jenes Inkarnat gaben, das ihm im Bild gleichsam Leben zu
geben scheint. Dieses innere Strahlen, das alle Gegenstände zu erleuchten
scheint, entspricht zutiefst der künstlerischen Intention Helnweins.
Aus seiner Kindheit im Wien der Nachkriegszeit erzählt Helnwein,
dass die Tage damals „grau, zäh wie Schleim und von grenzenloser
Langeweile“
waren. Nachts aber verwandelte ein leuchtender Stern auf dem Dach der
Fabrik gegenüber diese hässliche Welt auf magische Weise.
„Damals war mein Kinderzimmer nachts in ein tiefes rotes Licht getaucht
– meine Spielsachen, die Möbel, mein Bett, meine Hände,
alles hatte die gleiche Farbe und schien aus demselben weichen Material
zu sein. Als wären die Naturgesetz aufgehoben, schien alle Materie
von innen heraus zu glühen.“
Das innere Leuchten, das Helnwein der monochromen Malerei abgerungen
hat, durchdringt die Figuren und Gegenstände seiner Bilder, scheint
sie – wie wir es von Andachtsbildern kennen – zu erheben
und zu transzendieren. Aber was wir auf diesen Bildern sehen, ist nicht
das Heilsgeschehen; es sind apokalyptische Szenen. Helnwein zieht den
Betrachter durch die glänzende, magisch wirkende Oberfläche
in seine Bilder, aber er gestattet ihm nicht, sich darin gemütlich
einzurichten, denn dies sind keine Andachts-, sondern Gedächtnisbilder.
Ihr Leuchten soll die Bilder in unser Gedächtnis einbrennen.
„Wie macht man dem Menschen-Tier ein Gedächtnis? Man brennt etwas
ein damit es im Gedächtnis bleibt: nur was nicht aufhört, wehzutun,
bleibt im Gedächtnis“.
Friedrich Nietzsche |