Gottfried Helnwein Das Kind, der Schrei, das Blut
Diplomarbeit von Julia Neufeld, 2012
Kunsthochschule Berlin- Weissensee, Prof. Dr. Matthias Bleyl

1. Einleitung….…………...………………………………………………..….S.3

2. Gottfried Helnwein……………………………………………………...….S.4
Biografisches: Prägung und Entwicklung der künstlerischen Sichtweise
Kindheit und frühe Jugend
Erste Aktionen an der Höheren Grafischen Bundes- Lehr- und Versuchsanstalt
Studium
Die Zeit nach dem Studium: Faszination für Rockmusik
Die Idee der offenen Akademie
Begegnungen mit anderen Künstlern
Wohnorte

2.2.Werk………………………………………………………………………………S.8

3. Kind……………………………..…………………………..……………...S.10
3.1. Das Kind in der Kunst
3.1.1. Das Kind in der Kunst als Spiegel des gesellschaftlichen Wandels (19)...…S.10
3.1.2. Das Kind in der Kunst in Verbindung mit Grausamkeit und Schrecken…S.14
3.1.2.1. Antike und biblische Erzählung……………………..………...S.14
3.1.2.2. Literatur-Kindergeschichten und Märchen………………..…..S.14
3.1.2.3. Fotografie……………………………………………….……S.16
3.1.2.4. Filmkunst………………………………………………….….S.16
3.1.2.5. als Thema der Rockmusik………………………………….....S.17
3.2. Erziehung, Generationskonflikt, Märtyrer
3.2.1. Gottfried Helnwein zum Vater-Sohn-Konflikt bei Dr. Daniel Gottlob Schreber, Sören Kierkegaard, Franz Kafka und Fritz Zorn............................S.18
3.2.2. Erziehungssysteme - keine Evolution sondern der aktive Eingriff………..S.20
3.3. Gottfried Helnweins Kinderdarstellungen
3.3.1. Wandel…………………………………………………………………...S.21
3.3.2. Das Kind im Rollenspiel- in der Aktion, als Fotomodell…………..……...S.22
3.3.3. Das Kind - gequält, Opfer, verletzt, Märtyrer, eingesperrt…………….......S.23
3.3.4. Das Kind - Selektion …………………………………………….………S.24
3.3.5. Das Kind - heilig ………………………………………………………...S.24
3.3.6. Das Kind - heimlich und unheimlich…………………………………..…S.25
3.3.7. Das Kind - als Ungeheuer ……………………...………………………...S.26
3.3.8. Das Kind - Luzifer ………………………………………………...…….S.26
3.3.9. Das Kind- Mörder, Kindersoldat, Amokläufer…………………...………S.27
3.3.10. Gottfried Helnwein - Kindskopf………………………………………...…S.28

4. Schrei
4.1. Der Schrei in der Kunst
4.1.1. Der Schrei als ein Ausbruch aus der Not und als ein Ausdruck der Zeit….S.29
4.1.2. Der Schrei in der Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts………………...S.31
4.1.3. Der Schrei in der Bildenden Kunst………………………………………S.32
4.1.4. Der Schrei im Theater…………………………………………………....S.34
4.1.5. Der Schrei in der Filmkunst…………………………………...…………S.35
4.2. Malerei und Rockmusik…….…………………………………..…S.35
4.2.1. Die Kunst und die Gesellschaft………………………………………......S.36
4.2.2. Der Generationenkonflikt………………………………………………..S.37
4.2.3. Die Revolution stellt die Realität in Frage ………………………………..S.38
4.2.4. Die Zerstörung als Thema der Kunst und als ihr Ergebnis………….……S.40
4.2.5. Die Märtyrer und der Tod……………………………………………......S.41
4.2.6. Der akustische und der visuelle Sinn……………………………………..S.43
4.3. Helnweins schreiende Selbstbildnisse…………………….….…..S.44
4.4. Resümee………………………………………………...………….S.45

5. Blut
5.1. Das Blut in der Kunst
5.1.1. In der Bildenden Kunst………………………………………….………S.45
5.1.2. In der Mythologie …………………………………………………...…..S.47
5.1.3. Edgar Allan Poe „Die Maske des roten Todes“ ……………………………...S.47
5.1.4. Blut in Märchen …………………………………………………………S.48
5.1.5. Blut in der Filmkunst, Blut in Vampirgeschichten…..……………………S.49
5.2. Blut und seine Bedeutung im Alten- und Neuen Testament .......S.49
5.2.1. Sühne……………………………………………………………….……S.50
5.2.2. Opfer ……………………………………………………………………S.50
5.2.3. Reinheit und Unreinheit……………………………………………….…S.51
5.2.4. Versöhnungstag………………………………………………………….S.52
5.2.5. Kreuzigung Christi……………………………………………………….S.53
5.3. Märtyrer…………………………………………………………......S.53
5.3.1. Die Märtyrer und ihre grausamen Martyrien………………………….......S.54
5.4. Gottfried Helnwein und das Blut (im Bild)………………………...….S. 56

6. Schluss
6.1. Interview via E-Mail mit Gottfried Helnwein am 10. Juli 2010…..S.57
6.2. Schlussüberlegungen..................................................................................S.60

7. Anhang
7.1. Literaturverzeichnis……………………………………….....……..S.62
7.2. Quellen……………………………………………………………...S.64
7.3. Bilder…………………………………………………………..……S.70

 

 

1. Einleitung

Gottfried Helnweins Bilder scheint man hören zu können. Die Empathie zu schreienden und gequälten Menschen ist da. Diese Menschen sind oft noch Kinder. Hilflose Kinder, deren Blut noch warm fließt, deren malträtierte Körper frisch verbunden sind. Gemalt von dem, der sich erinnert. An die Kinder-Euthanasie, an die, die im Schatten des Schreckens sitzen, die sich nicht zu wehren wagen und es auch nicht können. Kinder, die versuchen zu fliehen, die es nicht schaffen, weil ihr Verband die Sicht versperrt, weil sie Schmerzen haben und nicht mehr laufen können, weil sie fixiert auf einer Bahre liegen; und im Mund sitzt ein Gewehr, das zu schießen droht. Ihre Münder sind verbunden, sie sind ohnmächtig geworden. Ihre Wunden bluten und schmerzen. Sie sind eingesperrt in der Finsternis, und wenn sie den Versuch eines Schreis machen, wird sie doch niemand hören. Jetzt kommt ein Vertrauter, ein Freund, ein Verwandter, die Mutter, der Vater - ein allzu freundlicher Donald – ... Nein, es ist doch nur ein Ungeheuer, ein Massenmörder, ein Kinderficker. Das Heimliche verschwimmt ins Unheimliche. Es ist eine Alptraumwelt, ein Teil von ihr existiert real, der andere Teil ist die Angst. Es gibt leere, einfarbige Räume, versehen mit Löchern und Gruben, in die die Kinder reinzufallen drohen. Oder sind es schon die sorgsam vorbereiteten Gräber, die wartend das Kind empfangen? Ein Kind nimmt das hingebungsvoll hin und hat keine Angst mehr vor dem Dunkeln und dem Fall ins unendliche Schwarz, doch hat es dabei die Augen verbunden. Ein anderes Kind ist unentschlossen und schwebt zwischen Leben und Tod.

Eine Ente streckt Dir ein leckeres Eis entgegen, doch der Schnabel tut Dir weh. Du weißt doch, dass Du nichts von Fremden annehmen sollst! ... Nur, woher weißt Du, wem Du noch trauen kannst, da Du von deinem Verräter noch einen sanften Kuss erhältst? ... Blutverschmierte Kinderbeine; Vergewaltigung, oder ist es die erste Menstruation? Peinlichkeiten. Wer ist Freund und wer Feind? Vertrauen, das schon einem Kind genommen wird. Das Kind kann sich nicht so leicht wehren, und doch hinterlässt es Spuren. Spuren von Blut, von Angst. Oder wird das einstmals unschuldige Kind zu einem Ungeheuer? Da ist noch ein gemeines Kind, das Arzt gespielt hat und Unpassendes erwähnt hat und jetzt Nasenbluten hat. Da gibt es Ärzte, die helfen und ein Pflaster auf die betroffene Stelle eines Kinderbeines kleben. Sie schauen sich genau an, wie viel Qualen die Kinder ertragen und lassen neues Blut fließen, bis sie stumm sind und gequält – durch die chirurgischen Instrumente, die ihnen die Münder aufhalten – und blind – durch die Gabeln, die ihren Augen die Sicht versperren.

Jetzt hält das verletzte Kind schon eine Waffe in der Hand, um den Feind zu erledigen und ein anderes trägt eine Uniform – jedoch nur eine Phantasie-Uniform. Spielt es Krieg, oder ist es umgeben vom Krieg? Ein Kinderkopf hängt in der Kirche. Kann das Kind dort das Vertrauen, die Heilung, das Gute erhalten, das doch alle Pfarrer zu predigen scheinen? Nein, die Kirche ist auch nicht absolut sicher. Da ist wieder einer, der aus der Reihe tanzt und sich an Kindern vergeht.

Gruselig sind doch die, die nichts empfinden, wenn sie Blut sehen, wenn sie die Schreie nicht mehr hören. Da ist das gehetzte Kind und da ist der Erwachsene, der doch alles beschützen soll, und er schreit, hinter den Kindern her, die jenseits von Gut und Böse sind.

 

2. Gottfried Helnwein


Biografisches: Prägung und Entwicklung der künstlerischen Sichtweise

Kindheit und frühe Jugend

Gottfried Helnwein wird am 8. Oktober 1948 in Wien geboren. Als Kind der Nachkriegszeit empfindet er seine Kindheit als finster, still und depressiv. Die Menschen in seiner Umgebung sind seiner Ansicht nach von den Spuren des Krieges gezeichnete, durch Katholizismus und Autorität gebrochene, gebückte Leute, die nicht auffallen wollen: „Mea culpa, mea culpa, mea maxima culpa.“ (1)

Die einzigen ungebrochenen Personen mit einer anderen Haltung sind für Helnwein seine furchtlose Großmutter, die ihm makabere Geschichten, Geschichten aus dem Krieg und Horrorgeschichten erzählt, und später Donald Duck, den er durch die von seinem Vater mitgebrachten Micky Maus Hefte kennenlernt: „Ich war wieder daheim in einer vernünftigen Welt, in der man von Straßenwalzen platt gewalzt und von hundert Kugeln durchlöchert werden konnte, ohne Schaden zu erleiden.“ (2)

Der Katholizismus ist die prägende Erinnerung an seine Kindheit, die Gerüche von Wachs und Weihrauch, das Frühaufstehen, das Beichtgeflüster, das Geklingel und die Darstellungen der Gefolterten. Bestimmend sind die streng katholische Erziehung und der Glaube seiner Eltern. In dem Film „Die Stille der Unschuld“ (3) berichtet der Künstler, wie ihn einst seine Mutter beim Arztspiel mit einer Freundin erwischt und davon überzeugt ist, dass ihr Sohn nun sterben könne und in die Hölle müsse. Aus Angst veranlassen die Eltern für ihren Sohn die Frühkommunion im Alter von fünf Jahren und die Frühbeichte, bei der er seine Unkeuschheit beichten muss. Überdies bekommen er und seine Schwester Unterricht von einer Seelsorgerin.

Unheimlich und schwermütig zeigt sich die Religion dem jungen Helnwein. Allgegenwärtig wirken auf ihn bluttriefende und verstümmelte Menschen: der blutende Jesus am Kreuz, die blutenden Märtyrer, die heiligen Wundmale und die Marterwerkzeuge, jeder Fortschritt erscheint ihm nur durch die Negation von Schmerz möglich, so dass man Kinder, wenn man sie liebt, ständig „(…) unter dem Schwachsinns-Motto: Das tut mir mehr weh als Dir“ (4) schlägt.
Umso stärker empfindet Helnwein die Freiheit bei seinen Großeltern auf dem Bauernhof. Er genießt die Natur, die Luft und die Tiere. Heimlicher und geborgener ist das Gefühl das ihm die Großmutter aus Wien gibt, die aufrecht laufende Frau mit den skurrilen Erzählungen. Und noch fröhlicher und bunter und voller Wunder ist es in der Welt von Walt Disney.

Auch die Schule ist für Helnwein ein Ort von Unterdrückung und Bestrafung. (5) Er sieht in den Lernmethoden keinen Sinn, in dem System keine Logik und ist verwundert, dass er seine Gefühle mit keinem Schüler teilen kann. Er verspürt schnell den Wunsch, ein solches System später zu unterminieren und zu zerstören. Die Unterdrückung, die Demütigung und die Autoritäten, die seine Jugend zerstören, veranlassen Helnwein zu dem Gedanken von Gerechtigkeitswahn, zu einer „(…) Art sizilianische Blutrache-Idee.“ (6)

Erste Aktionen an der Höheren Grafischen Bundes- Lehr- und Versuchsanstalt

In der Zeit von 1965 bis 1969 besucht Helnwein die Höhere Grafische Bundes- Lehr- und Versuchsanstalt in Wien mit dem Ziel, nur noch zu zeichnen. Jedoch empfindet er die Anstalt schnell als Ekel erregend. Erste Blut- und Bandagierungsaktionen finden statt: Er verletzt sich mit Rasierklingen, Holzschnittwerkzeugen und Skikanten im Gesicht und an den Händen als Protest gegen all die Normen und Regeln, der jedoch von den Lehrern unterdrückt wird. Helnwein vergleicht seine Selbstverletzungsaktionen mit Kindern, die gerne Verband und Pflaster tragen. Alles um ihn herum verwandelt sich, die Leute lassen ihn in Ruhe, er darf beispielsweise zu spät zum Unterricht kommen und gewinnt so ein Stück mehr Freiheit, denn „(…) jemand, der verwundet war, war eine Art Märtyrer“. (7) Nicht zuletzt ist es das ästhetische Moment von Blut, welches Helnwein fasziniert.

Helnwein zeichnet anstelle eines Aktes Adolf Hitler und bricht damit ein absolutes Tabu:  „(…) es war wie einen Molotowcocktail in einen Hühnerstall zu werfen.“ (8) Die Professorenschaft versammelt sich, der Rektor hält eine Rede und die Zeichnung wird beschlagnahmt, aus Angst um den Ruf der Schule. Helnwein spürt zum ersten Mal die Kraft eines Bildes und hat die Erkenntnis, dass man „(…) mit Ästhetik etwas verändern kann.“ (9)

Studium

Richtig frei fühlt sich Helnwein während seines Studiums an der Akademie der Künste in Wien. Er kann aufstehen, wann er will, und machen, was er will, während die anderen Menschen gehetzt zur Arbeit rennen. Er studiert von 1969 bis 1973 bei Professor Rudolf Hausner. In dieser Zeit entsteht sein zweites Hitlerbild Führer, wir danken Dir, welches großes Aufsehen hervorruft. Der Taxifahrer, der Helnwein mit den Bildern zur Ausstellung fährt und der das Bild sieht, fühlt sich sogleich in die damalige „große Zeit“ zurückversetzt und beginnt voller Euphorie und lachend von früher zu erzählen. (10) Während der Ausstellung sind die Reaktionen heftig: Helnwein wird mit einem Messer bedroht, ein Mann fällt vor dem Hitlerbild auf die Knie und schreit: „Der Führa, a Wahnsinn, a einz` ge Spritzerei, der Führa, der Führa!“ (11)

Die Zeit nach dem Studium: Faszination für Rock

Nach seinem Studium liest Helnwein philosophische Texte, diskutiert mit Freunden und macht Fotoaktionen. Er nimmt Drogen mit der Folge, dass er sich jahrelang nicht von einem LSD- Horrortrip erholt. Helnwein faszinieren Rockmusiker und -bands wie Jimi Hendrix, die Stones, Jim Morrison, The Who, Janis Joplin, die Beatles; die Schriftsteller Norman Mailer, Charles Bukowski und William Burroughs; der Künstler Arnulf Rainer und der Comiczeichner Carl Barks. Für Helnwein umfasst die Kunst des 20. Jahrhunderts Rockmusik, Film und Comic Strips. Seiner These „Malerei muss sein wie Rockmusik“ gemäß vergleicht er die Bilder von Francis Bacon mit den Liedern Satisfaction, Brown Sugar und Jumping Jack Flash von den Rolling Stones und mit  „Jimi Hendrix, der auf dem Boden liegt, die Gitarre anzündet und mit der Zunge darauf spielt, so etwas, ja, das war es!“ (12)  Die Kraft der Rockmusik, die Menschenmengen mitreißt und in Ekstase bringt, sieht Helnwein ebenfalls in der Bildenden Kunst. Sein Bedürfnis ist es, mit der Kunst aus dem „Gefängnis“ der Galerien auszubrechen, sie in den Alltag einzubinden, die Menschenmassen zu erreichen und bei den einzelnen Menschen Emotionen zu wecken. Die Kunst soll jedem zugänglich sein. Helnwein interessiert an der Kunst immer die Frage: „Bewegt die Kunst etwas, löst sie etwas aus?“ (13) Auch ist er der Meinung, dass Kunstwerk und Betrachter einander bedingen. 

Die Idee der offenen Akademie

Im Jahr 1982 bekommt Helnwein das Angebot für einen Lehrstuhl an der Fachhochschule für Gestaltung in Hamburg. Da seine Bedingungen,  die Aufnahmeprüfungen und die Altersbeschränkung abzuschaffen, nicht erfüllt werden, lehnt er das Angebot ab. Helnwein teilt mit Joseph Beuys die Idee, eine offene Akademie zu schaffen und ohne Auswahlkriterien jedem die Möglichkeit zum Kunststudium zu verschaffen (14) „Ich sehe aber, dass der Wunsch gar nicht vorhanden ist, so viele Künstler zu haben. Die Gesellschaft scheint sich von einer zu großen Menge Künstler bedroht zu fühlen.“ (15). Helnwein lehnt es in jeder Form ab, mitzumarschieren, sich den Organisationen und Institutionen zu fügen. Darüber hinaus will er nicht als Autoritätsperson und mit Autoritätsfurcht behandelt werden.

Begegnungen mit anderen Künstlern

Für Gottfried Helnwein ist Kunst die höchste Form von Kommunikation. Auf seinem Lebensweg lernt er  viele andere Künstler kennen. 1984 besucht er den Walt-Disney-Zeichner Carl Barks, den Schöpfer Dagobert Ducks. Die Künstler Andy Warhol, Charles Bukowski, William Borroughs, die Rolling Stones, Michael Jackson, Peter Alexander, Nicki Lauda, Falco und Arno Breker lernt er kennen, fotografiert sie oder hält sie malerisch fest. 1991 arbeitet er zusammen mit Marlene Dietrich an einem Buchprojekt. Mit Sean Penn und Marilyn Manson arbeitet er an Video- und Filmprojekten. Für Jürgen Flimm, Maximilian Shell, Gert Hof, Heiner Müller und Hans Kresnik entwirft er Bühnen- und Kostümbilder, für Peter Zadek gestaltet er Theaterplakate. Neben den Künstlern und den Berühmtheiten gilt sein großes Interesse den unterschiedlichsten und unbedarften Menschen. Er will diese Menschen erreichen und mit ihnen sprechen. Er spricht mit seinem Publikum in Ausstellungen und erfährt dabei als Bereicherung und Reflexion viel über seine eigene Arbeit. Auch kommuniziert er mit Menschen per Brief. Zu seinen Lieblingsgesprächspartnern gehören Kinder, mit denen er auf Grund seiner künstlerischen Themenwahl permanent im Kontakt ist.

Wohnorte

In der Zeit von 1985 bis 1997 lebt Helnwein mit seiner Frau und seinen drei Kindern in der Eifel auf dem Schloss Burgbrohl. Seit 1997 wohnt er gemeinsam mit seiner Familie in einem irischen Schloss in der Grafschaft Tipperary. 2002 erwirbt Helnwein ein Atelier in Los Angeles. Seitdem arbeitet und lebt er in Irland und Los Angeles. Im Jahr 2004 erhält er die irische Staatsbürgerschaft. Seine drei Kinder sind ebenfalls Künstler. Inzwischen hat Gottfried Helnwein Enkelkinder und lebt mit seiner Großfamilie zusammen in Irland.

 „Ich bin kurz nach dem Krieg geboren und habe noch den Atem des Todes gespürt. Obwohl bis in die 70er Jahre niemand über die Vergangenheit geredet hat, wusste ich von Kindheit an, dass da etwas war. Ich war wahrscheinlich ein äußerst nervendes Kind, denn ich habe ständig gebohrt und gefragt und nach und nach habe ich alles zusammen- getragen, was ich über den Holocaust erfahren konnte, ich wollte jedes Detail darüber wissen. Irgendwann bin ich mit meinen Recherchen in der Gegenwart gelandet und habe diese Polizeifotos von Kindern gesehen, oder was von ihnen übrig geblieben ist, nachdem sie von den Eltern zu Tode gefoltert wurden. Kein Anblick der Sie gut schlafen lässt. Das war der Moment, als ich beschlossen habe Künstler zu werden. Es schien mir der einzige Weg, mich diesem Thema zu nähern. Ich bin aus humanistischen Motiven Künstler geworden, nicht aus ästhetischen.“ (16)


2.2. Werk

Gottfried Helnweins Thema ist immer der Mensch. Die Darstellung ist meistens fokussiert auf das Gesicht, oft ohne Ablenkungen durch Accessoires und ohne Hintergrund. (17) Neben seinen Selbstportraits gibt es Abbilder von Idolen der zeitgenössischen Hoch- und Massenkultur, im Vordergrund und immer wiederkehrend in seiner künstlerischen Laufbahn steht besonders das Thema Kind. Helnwein greift ebenfalls das Erinnern an vergangenes Zeitgeschehen, wie beispielsweise an den Nationalsozialismus, als Thema auf. Aber auch seine frühkindliche Leidenschaft für die Welt von Walt Disney wird in seiner Arbeit ersichtlich. Es gibt Donald Duck- und Micky Maus-Darstellungen, (Abb.1/2) oder verfremdete Menschendarstellungen, die an Comicwesen erinnern. In einigen Werken tauchen – meist bizarr in Verbindung mit dem Menschen – Revue tanzende Hasen, militärisch aufgereihte Pinguine, mütterlich empfindende Eisbären, in Versuchung lockende Enten, oder gruselige Krokodile auf. (Abb.3-5) Charakteristisch für seine Arbeit sind die verletzten, vernarbten, bandagierten Kinder- und Selbstbildnisse. Vornehmlich die Selbstbildnisse sind versehen mit chirurgischen Instrumenten, wie Gabeln, die dem Menschen in die Augen greifen und Klammern, die den Mund aufhalten. Genauso wesentlich ist der Aspekt von Blut, die bandagierten Kinder- und Selbstbildnisse sind häufig blutverschmiert oder blutüberströmt. Es ist oft der einsame Mensch, am häufigsten ist es der leidende Mensch, den Helnwein zeigt. Seine Selbstbildnisse sind besonders gekennzeichnet durch den dargestellten Schrei. Aber auch der Schrei an sich, als Intention und Thema, ist bedeutend in Helnweins Arbeit. Ein Beispiel für die schreienden Selbstportraits ist das Selbstportrait Nr. 29 (Abb.6) aus dem Jahr 1990. Die Selbstportraits sind auf Platten- und Zeitschriftencovern zu finden, als Fotografie, Malerei, Aquarell und Zeichnung festgehalten, auch in seine Aktionen eingebunden. Helnweins Arbeit ist bestimmt durch die Vielfalt der unterschiedlichen Ausdrucksmittel und Techniken der Bildenden Kunst, wie Malerei, Aquarell, Zeichnung, Bildhauerei, Fotografie, Aktionskunst, Öffentlichkeitskunst und Installation. Aber auch Bühnen- und Kostümbild gehören zu seinem Sortiment. In der Theaterarbeit verhält er sich ähnlich wie in seiner Bildsprache. In dem Theaterstück Macbeth von William Shakespeare, inszeniert von Hans Kresnik im Jahr 1995, sind es die bandagierten Menschen aus seinen Bildern, die nun auf der Bühne stehen wie zum Leben erweckte Bilder. Das erinnert an die antike Geschichte von Pygmalion und seiner von ihm angefertigten Skulptur, die eines Tages zum Leben erwacht.

Bekannt ist Gottfried Helnwein für seine hyperrealistischen Gemälde. Jedoch reicht seine Malerei von hyperrealistischen Darstellungen bis hin zu stark abstrahierten Formgebungen. Für die von hyperrealistischen Gemälden losgelösten Darstellungen stehen dass Selbstportrait Nr. 6 (Abb.7) aus dem Jahr 1986 und das Selbstportrait Nr. 16 (Abb.8) aus dem Jahr 1988. Nur noch zu ahnen ist der schreiende Mensch, der in der Farbfläche zu verschwinden scheint, und schließlich eins mit ihr wird. Auch der Schrei scheint in der Farbe zu ersticken und im Nichts zu verschwinden und nur noch einen dumpfen Klang zu hinterlassen. In seinen Fotoserien findet er ebenfalls eine freiere Formulierung, so dass die einst gut erkenntliche Person nur noch schemenhaft zu sehen ist, bis hin zur völligen Auflösung. Da die freie Farbfläche auf dem Foto in einen Serienablauf eingebunden ist, weiß das Bewusstsein von dem verschwundenen Menschen. Dazu gehört die Fotoserie Poems, (Abb.9) entstanden 1996. Auch gibt es fließende Grenzen, wo Gemälde und Fotografie einander bedingen und ineinander übergehen. Vor dem gemalten Bild steht der Mensch aus Fleisch und Blut. Das Fotomodell ist teils als Mensch gezeigt oder auch komplett in Farbe getaucht, so dass der abgebildete Mensch eine stärkere Abstraktion erhält und ebenfalls als Gemälde funktioniert. Helnwein hat diese Zwischenschritte einst als „Edelabfall“ bezeichnet. Letztlich wird der Mensch vor dem Gemälde als Fotografie eingefangen. (Abb.10)

Dieses Verbinden von Gemälde und Fotografie taucht ebenfalls in seinen Diptychen und Triptychen auf. Ein Beispiel aus dem Jahr 1986 ist Gott der Untermenschen. (Abb.11) Überdies gibt es Arbeiten, in denen er Fotografien übermalt. In seinen Aktionen verschwimmen ebenfalls die bildnerischen Formungen und gehen ineinander über. Hier ist es das menschliche Modell auf der Straße oder im Café, das öffentlich im Hier und Jetzt als Kunst zu betrachten ist. Die Aktionen werden fotografisch eingefangen, bis hin zum Betrachter, der zum Bestandteil der Aktion wird. Helnweins Kunst will in die Realität eindringen. Er kratzt die Realität an und die Realität wird zur Kunst und die Kunst wird zur Realität „Woran mir liegt, ist, immer wieder die Realität in Frage zu stellen. Wenn man kleine Risse in der Realität verursachen kann, dann würde ich das als Erfolg bezeichnen.“ (18) In seinen Grafiken sind Menschen in Räumen, gleichwertig im Strich sind Raum und Mensch oder Lebewesen. Der Raum, indem darin neue Räume wie Gruben, Gräber oder Löcher erscheinen, löst sich von seinem Dasein als Gegenstand und wird organisch, Exkremente fließen und verbinden sich mit dem Menschen, dringen in das Geschlecht des Kindes ein. Der Mensch ist schattenhaft und geht in den Raum über. Auch gibt es in den Zeichnungen nicht die gewöhnliche Schwerkraft der Erde und man weiß nicht genau, ob es der Fall ins Grab oder der Flug nach oben gen Himmel oder die Unentschlossenheit dazwischen ist. Es scheint der Übergang vom Tod in eine andere Welt zu sein und es wird die in Zeitlupe gefühlte Zeit wahrgenommen. (Abb.12/13) In seinen Ausstellungen, Aktionen und Installationen spielt auch der Ort eine besondere Rolle. Zu unterscheiden sind die Atmosphäre, die Gedanken und die Gefühle, wenn ein überdimensionaler Kinderkopf (Beispielsweise Kindskopf (Abb.14) aus dem Jahr 1991) in der Kirche oder in einer Galerie hängt. Wen zieht es in eine Galerie und wen zieht der Schritt in die Kirche? Also auch das Publikum wird ein anderes sein. In der Kirche trägt der Kinderkopf eine göttliche, mystische Rolle in sich, auch fühlt der gläubige Betrachter anders als in einem Ausstellungsraum. Die Installation 9. November Nacht (Abb.15-21) aus dem Jahr 1988 zeigt eine „Kinderstraße“, aufgereihte Kinderköpfe aufgestellt entlang einer Straße in Köln. Diese Installation erreicht ihren Höhepunkt durch die Öffentlichkeit und die Zugänglichkeit für jedermann. Die Menschen laufen schon gezwungenermaßen am Kunstwerk vorbei und einer oder einige zeigen ihre Reaktion auf die Kinderflut und schneiden den Kindern die Kehle durch. Helnwein verarztet sichtbar die Risse der Bilder mit Klebebändern, die aussehen wie Pflaster und Klemmen, die die Wunden zuhalten. Der Künstler betrachtet seine Arbeit und ihre Wirkung als umso stärker.

Teil 2 ------>