Peter Zawrel
KINDSKOPF - HELNWEINS PLÄDOYER FÜR EINE ANDERE
KINDHEIT
Direktor des Niederösterreichischen Landesmuseums
anlässlich der Installation "Kindskopf" von Gottfried Helnwein
Minorittenkirche Krems
Das auratische Gesicht eines Kindes, sechs Meter hoch, vier Meter breit, im
Triumphbogen einer mittelalterlichen Kirche hängend, an Pfeilern und
Wänden umgeben von dutzenden Leinwänden im genormten Format von
zweihundert mal hundertvierzig Zentimetern, deren Köpfe und Fabelwesen
sich erst bei näherem Hinsehen leicht als Kinderzeichnungen zu erkennen
geben - einmal mehr irritiert Helnwein eingewöhnte Wahrnehmungsstrukturen
in mehrfacher Hinsicht, vor allem aber auch die Erwartungshaltung des Besuchers
einer Helnwein-Ausstellung. Das signalisiert schon der Titel, der zweideutig
auf das dargestellte Thema und die damit transportierte ironisch-ernste Selbstdorstellung
des Künstlers anspielt, darin ähnlich dem Katologtitel "Untermensch" von
1988: KINDSKOPF.
"Es ist etwas Dunkles in mir, unter allen Gedanken, das ich mit den Gedanken
nicht ausmessen kann, ein
Leben, das sich nicht in Worten ausdrückt und das doch mein Leben ist ..."
(Robert Musil, Die Verwirrungen des Zöglings Törless)
Die Worte des pubertären Zöglings Törless aus der Rede an seine verblüfften
Lehrer beschreiben einen Bewußtseinszustand, der aus dem Alltagsleben des erwachsenen
Menschen ebenso relegiert wird wie der junge Törless aus dem Internat, dessen
Uberwachungsstrukturen einer solchen Erkenntnis nicht mehr gewachsen sind.
Was sich nicht in Worten ausdrücken läßt, drängt in Bildern zutage, die zu
gestalten die säkularisierte Erwachsenengesellschaft der Neuzeit dem Künstler
überlassen hat, der dadurch eine definierte soziale Aufgabe erhält. Das Kind
dagegen, in diesem Sinne asozial, genügt sich selbst, seine Bilder muß es sich
nicht erst aneignen; sie gehören ihm schon.
Was unter allen Gedanken, mithin der empirisch erfahrbaren Wirklichkeit gegenüber
steht, gestaltet Helnwein seit eh und je in Bildern, die einem "Hunger
noch lntensität" (K. A. Schröder, Die lädierte Wirklichkeit 1987) Ausdruck
verleihen, der sich in den fotorealistisch (treffender wäre zu sagen: auf der
Basis fotorealistischer Malerei) gemalten Portralts als eine verzweifelte Jagd
noch der Unmöglichkeit entäußert, Wirklichkeit in ihrem Abbild aufgehen zu
lassen. Der Preis dafür ist die Übertreibung, die gelegentlich auch zur Karikatur
wird, womit der Künstler erreicht, was seiner Auffassung von Kunst als massenmedialem
Kommunikationsmittel entspricht: daß erst die Reaktion des Betrachters (durchaus
im Sinne einer therapeutischen Selbsterkenntnis) das Kunstwerk vollendet.
Helnweins Kunstwerke lassen sich nur im Rahmen einer künstlerischen Gesamtkonzeption
entschlüsseln, der das Mißverständnis des (pseudo-autonomen) Einzelwerkes jedoch
inhärent ist; ebenso wie eine Didaktik, die sich mit der Terminologie klassischer
Rhetorik sehr einfach beschreiben läßt: Unterhalten und neugierig gemacht wird
der Betrachter durch die Wohl des spektakulären Sujets (delectore); belehrt
mittels der präzisen Wiedergabe der einzelnen Motive (docere); ergriffen durch
die Suggestionskraft der malerischen Darstellung (persuadere), die ihre Legitimation
aber nicht mehr, wie althergebracht, in der Vorstellungskraft des Künstlers
findet, sondern in der Berufung auf die Photogrophie, die - auch noch bereits
angetretenem Gegenbeweis in der massenmedialen Rezeption ihrer hundertfünfzigjährigen
Geschichte noch - den Ruf des Authentischen vor sich her trägt.
Irritation und Schock, also die Provokation eines extremen Affektes, kennen
wir aus dem Helnweinschen Oeuvre vor allem von den Selbstportraits und Kinderdarstellungen,
sei es im Medium der (aktionistischen) Photographie oder der Zeichnung, seit
dem Frühwerk um 1970. Der Schock wird in diesen Arbeiten nicht von der peniblen
erzählerischen Behandlung gräßlicher Details oder beängstigender Situation
hervorgerufen - Solches ist jedem Mitteleuropäer, insbesondere Österreicher,
aus der gegenreformatorischen Barockkunst, die sich der oben skizzierten Rhetorik
folgend genau dieser Mittel bediente, von tausenden Altären seit Jahrhunderten
mit allen blutigen Details vertraut. Schockierend ist vielmehr die Übertragung
dieses Konzeptes auf einen profanen "Gegenstand" des Alltags, noch
dazu auf einen, der gewöhnlich nicht bewußt wahrgenommen wird: Mit der Darstellung
eines Kindes als stigmatisierte Heilsgestalt (Lichtkind, 1972) war der Widerspruch
von (christlicher) Ideologie, die sich auf ein Kind als Träger des Heils beruft
- dem Weise (Mt 2, 11), Alte (Lk 2, 25 ff) und Propheten (Lk 2, 36 ff) kniefallend
huldigen - und gesellschaftlicher Praxis bereits auf den Punkt gebracht.
Der Arroganz, dem Egozentrismus und der Ignoranz, mit denen Kindern in unserer
Gesellschaft begegnet wird, hält Helnwein ein Bild vom Kind entgegen, dem die
Kehrseite dieser Verhalten völlig fehlt: keine Kindertümelei, nichts von der
fröhlichen Unschuld, mit der Kinder als Projektion einer ideologischen Verklärung
der eigenen Kindheit in eine als ungenügend empfundene Erwachsenenwirklichkeit,
im Familienalbum wie in der Werbung, maskiert werden. (Vgl. auch Peter Gorsen
im Katalog "Untermensch" 1988 und Reinhold Mißelbeck im Katalog "Neunter
November Nacht" 1990.) Zusammengefaßt hat Helnwein seine lkonologie des
Kindes in der monumentalen Bilderstraße "Neunter November Nacht".
Unabhängig von ihrem, durch den Titel vorgegebenen politisch-historischen Bezugsrahmen
kann sie als Gegenstück zur Popstargalerie der uomini fomosi der Jugendkultur
des 20. Jahrhunderts gelesen werden, welche diesen anonymen Kinderportraits
wiederum als Abbild ihrer Idole entgegengehalten werden können. So wie Helnwein
die Stars nicht gemalt hat, wie es ihrem Kult gemäß wäre, so hat er die Kinder
nicht so photogrophiert, wie wir Kinder zu sehen gewöhnt sind. Zweifellos angeregt
durch ihre weiß geschminkten Gesichter - wodurch der Akt des Abbildens auch
als etwas Besonderes hervorgehoben wurde - zeigen sich die Kinder als ganze,
fertige Menschen, deren einziger "Defekt" darin besteht, klein zu
sein.
Diese Auffassung entspricht einer Lebenspraxis, welche die europäische Gesellschaft
bis ins 17. Jahrhundert kennzeichnet. Vor der Erfindung der Kindheit als Regelsystem,
das die bürgerliche Kleinfamilie als moralische Anstalt zusammenhält, waren
Kinder weder unschuldig noch bedürftig, wurden weder verhätschelt noch mißhandelt,
sondern waren "kleine Menschen", nicht allzu bedeutend zwar in einer
juvenilen Population, wo das Leben kurz und das Morgen ungewiß war, aber statt
Arroganz, Egozentrismus und Ignoranz wurde ihnen im Laufe des alltäglichen
Miteinander-Arbeitens mit Freundlichkeit, Vorbildern und Herausforderungen
begegnet, was sie - wie viele Quellen bezeugen - bereits im Kindesalter zu
autonomen, handlungsrelevanten Entscheidungen befähigte, Voraussetzung war
die Sozietät eines Milieus, innerhalb dessen die Familie ökonomischen und gesellschaftlichen,
nicht jedoch moralischen Rückhalt bot, Eine überwiegend weltliche Gefühlskultur
der Familie widersprach allerdings der Heilspädagogik der Kirche genauso wie
der Raison des neuzeitlichen Staatswesens.
In der Bilderflut des späten Mittelalters und der frühen Neuzeit wird in der
Darstellung des realen Kindes erstmals zwischen dem nackten und dem bekleideten,
dem idealtypischen (als Putto) und individuellen Kind (im Grobbild) unterschieden.
Im Andachtsbild der Madonna mit dem Kind wird Jesus immer häufiger realistisch
als Baby gezeigt - zuweilen sogar, wie bei Montegna oder Hans Multscher (im
Wurzacher Altar) in Bandagen gewickelt, wie es tatsächlich lange Zeit üblich
war, um Verkrummungen der Gliedmaßen zu verhindern. Läßt man die Andachtsbilder
des 15. Jahrhunderts Revue passieren, zeigt sich neben der Verniedlichung aber
auch eine auffallende Vielfalt der Mimik, die ganz und gar nicht "kindlich" ist,
sondern sogar begehrliche oder distanzierte Blicke auf den Betrachter zuläßt.
Mit unergründlicher Sicherheit hat Helnwein auf die Herausforderung, in der
frühgotischen, vor rund zweihundert Jahren durch Josef 11, aufgehobenen Minoritenkirche
in Krems/Stein eine Ausstellung zu gestalten, mit dem Konzept KINDSKOPF geantwortet.
Er benützt die erstmalige Möglichkeit einer derartigen Präsentation in seiner
Heimat (Nieder) Österreich nicht nur, um seine bisherigen Arbeiten zum - letztendlich
wohl autobiographisch motivierten - Thema Kind mit einer überraschenden, sehr
persönlichen Geste zusammenzufassen, indem er die eigenen Kinder nicht als
Objekte, sondern als Mitarbeiter miteinbezieht, sondern er reagiert auch mit
dem Bild KINDSKOPF präzise auf den Ort der Ausstellung und seine tradierte
Aura.
Wo in der mittelalterlichen Kirche der Lettner den Mönchschor vom Laienschiff
trennte und vermutlich nur ein monumentales Kruzifix den Ort des heiligen Geschehens
von Opferung und Wandlung symbolisch sichtbar machte, erreicht Helnwein mit
der malerischen Umsetzung der gestalterischen Idee von "Neunter November
Nacht" eine unmittelbare subjektive Empfindung beim Betrachter, die ihre
Wirkung der spiritualistischen Sublimierung des Tatsächlichen im Sinne eines
Andachtsbildes verdankt, In ihm spiegelt sich das gesamte kollektive Unbewußte
wider - das zu Bewußtsein gebracht wird durch einen Witz: Denn im Sinne der
Alltagssprache, die eine pejorative Übertragung von Wörtern für das Kind auf
allgemeine Eigenschaften bezeichnenderweise erst seit dem 17. Jahrhundert kennt,
taugt "Kindskopf" zur Bezeichnung alles möglichen, aber ganz sicher
nicht für dieses kontemplative, zerbrechliche Antlitz.
Diese Inszenierung alleine würde Helnweins Konzept nochauratischer Kunst, die
Originalgemälde als "Edelabfall" produziert, widersprechen, durchbräche
er nicht die durch den Ort vorgegebene Stimmungslage mit den Kinderarbeiten
im Hauptschiff, Die ursprüngliche Kreativität und die Kraft kindlicher Ausdrucksfähigkeit
zur Sprache kommen zu lassen, ist nur ein Aspekt ihrer Betrachtung, noch dazu
ein zweitrangiger, denn zweifellos sind Ali Elvis, Amadeus und Mercedes Helnwein,
die an der Ausstellung mitgewirkt haben, durch Zuwendung und Lob außergewöhnlich
angeregte Kinder, denen außergewöhnliche Möglichkeiten offenstehen, sich Raum
zu verschaffen. Wesentlich ist vielmehr, wie diese Kinder, vor allem der Hauptakteur
Ali Helnwein, nicht spielerisch, sondern durch ernstgenommenes Tun lernen.
Ali läßt keinen Zweifel daran, daß er sich nicht nur als gleichwertigen Partner
von
Gottfried Helnwein empfindet - sondern es tatsächlich ist.
Das Aufsehen, welches durch das Interesse an einer Sache erregt wird, kann
deren Ansehen schädigen und derart die beabsichtigte Wirkung behindern - so
geschehen dem epocholen Werk "Geschichte der Kindheit" von Philippe
Aries (dem ich wichtige Anregungen verdanke), so immer wieder zu beobachten
an der Rezeption des Werkes von Gottfried Helnwein. Nichtsdestoweniger markiert
KINDSKOPF einen Knotenpunkt in seinem Schaffen. Der vermeintlich kindsköpfige
Künstler, der immer aufs Neue - zuletzt auf der Einladung und dem Plakat zur
Ausstellung in der Minoritenkirche - mit Posen, Idolen und Fetischen spielt;
das ganz und gar nicht kindsköpfige Antlitz eines (wirklichen) Kindes; die
Leistungen von Kindern, denen nichts Kindisches anhaftet: Mit dieser Verflechtung
ist Helnwein nicht nur ein entscheidender Schritt in der von ihm stets angestrebten
Annäherung von Kunst und Alltagsleben gelungen - und wer ihn mit seinen Kindern
leben und arbeiten gesehen hat, wird das keinen Moment bezweifeln: Die Sehnsucht,
die Dialektik von Kindheit und Alter im eigenen Lebenslauf, jene von Wunsch
und Wirklichkeit in der Kunst aufzuheben, läßt an der Verflechtung von KINDSKOPF
auch Utopisches durchscheinen. "Malen ist sich wehren" (G. Helnwein)
- gegen die Wirklichkeit oder gegen die Sehnsucht nach dem, was unter allen
Gedanken ist?